Zwei Niddamühlen und ihre Bauinschriften

 

Bernhard Reichel

Die Wasserkraft war für die mittelalterliche und frühneuzeitliche Wirtschaft eine Energiequelle, die schwerlich überschätzt werden kann. Überall an den Wasser- und Bachläufen wurden nicht nur Mahl- (Mehl), sondern auch Schleif-, Polier- und Papiermühlen angelegt. Auch die Kraft der großen Ströme und Flüsse wurde mittels Schiffs- und Brückenmühlen genutzt.

In unserem engeren Bereich sind uns die Hausener Mühle und in Rödelheim die alte Mühle am Mühlgraben und die Ölmühle bekannt.

Die Mühle in Hausen, hart an der Gemarkungsgrenze zu Rödelheim liegend, ist sicherlich älter als 1428, als Damme (II.) von Praunheim mit Zustimmung seiner Söhne und Verwandten dem Frankfurter Rat alles Eigengut in Praunheim neben dem Fuldischen Lehen für die ansehnliche Summe von 2360 Gulden verkaufte. Dazu gehörte auch die Mühle nebst dem Fischwasser in der Nidda innerhalb der Hausener Markung. Damit erhielt die Reichsstadt Frankfurt eine Mühle, mit der sie als ‚Herrenmühle' innerhalb ihres Territoriums den so genannten Mühlenbann übte, d. h. jeder Untertan war gezwungen, in ebendieser Mühle mahlen zu lassen.

In einem 1431 von dem Müller Heinrich von Uff ausgestellten Dienstbrief bestellte der Rat diesen zu seinem Amtmann in Hausen, denn der Rat hatte mit diesem Kauf auch Ortsherrschaft erworben. Der Pächter verpflichtete sich ausdrücklich, mit seiner Hausfrau und von ihm angestellten Wächtern das Eigentum der Reichsstadt vor Schaden zu bewahren, Pacht, Zinsen und Abgaben einzuziehen und "den armen Leuten" die Befehle des Rates zu übermitteln. Sein Nachfolger Hentze von Lich übernahm acht Jahre später die gleichen Verpflichtungen, erweitert durch die Bestimmung, dem Dorfgericht vorzustehen; d. h. er wurde Schultheiß. Er hatte sich dem Hauptmann der städtischen Reisigen (Söldner) zu unterstellen und dafür ein Pferd zu halten. Als Belohnung erhielt er jährlich 24 Gulden, ein halbes Stück Barchent (12 Ellen = 6,57 m Baumwolltuch) und eine Kogel (kapuzenartige Kopfbedeckung, wie sie alle Söldner als Dienstkleidung trugen). Der Vertrag war durch den Rat jederzeit zu lösen, Streitigkeiten waren vor dem Frankfurter Schöffengericht auszutragen.

Diese Bestimmungen kehrten fast wörtlich in den folgenden Dienstbriefen wieder, die der Rat mit den folgenden Mühlenpächtern schloss. Erst 1442 ist dann auch von der Pacht des Müllers die Rede: er hatte 52 Achtel ‚guten trockenen Korns Frankfurter Maß' an die Stadt zu liefern; außerdem hatte er auch alle Reparaturen an der Mühle zu übernehmen und musste dazu einen Mühlenarzt (städtischer Sachverständiger) unter sein Gesinde nehmen. Das Baumaterial war auf seine Kosten zu transportieren, der Rat stellte nur die Verpflegung und die Mühlsteine. 1444 übernahm ein Peter Engel von Calde die Mühle zu ähnlichen Bedingungen, versprach nun aber 95 Achtel Korns als Naturalpacht zu liefern und verpflichtete sich obendrein, das von den Mahlgästen (Kunden) bezahlte Mahlgeld jeweils am Eschenheimer Tor dem Rat abzuliefern.

Seine Nachfolger werden nicht mehr als Amtmänner bezeichnet, sondern als Schultheißen, deren Bedeutung durch die Wahrnehmung des Ortsgerichts aufgewertet wurde. Ein Jahrhundert später wurde die Verwaltung der reichsstädtischen Dörfer einem studierten Juristen mit der Dienstbezeichnung ‚Landamtmann' übertragen, der für alle Dorfschaften zuständig war und der mit dem Dorfschultheißen nur mittels eines Bereiters zu verkehren pflegte, der allerdings nicht nur berittener Bote war, sondern auch Weisungsbefugnis in Bagatellsachen hatte.

Der Mühlenpächter bewohnte mit Familie und Gesinde ein ‚Schloss' genanntes Gebäude, das wohl ein Haus aus festen Steinen war. Die Mühle selbst lag nicht im Dorf Hausen, sondern nordwestlich an einem von der Nidda abzweigenden Mühlgraben und war nur über zwei Brücken erreichbar. Der gesamte Mühlenkomplex befand sich auf einer ‚Wörth' genannten Insel, von der ein Weg über einen Steg auch nach Rödelheim führte. Lange Zeit war der Müller der wohl reichste und angesehenste Einwohner des Dorfes, wenngleich die Beständer häufig wechselten; möglicherweise war ihre Tätigkeit durch die Kontrolle des Rats unverhältnismäßig eingeschränkt. Der schon genannte Mühlenbann zwang alle Landwirte der westlichen Frankfurter Feldmark, ihr Getreide in der Hausener Mühle mahlen zu lassen und dort auch das Mahlgeld als städtische Abgabe zu entrichten. Natürlich wurde auch der Ertrag (meist Roggen) der annähernd 400 Morgen des Hausener Ackerlandes in der Dorfmühle gemahlen. Bei geschätzten 3 bis 4 Achtet je Morgen (in normalen Jahren) kam eine erkleckliche Menge zusammen, aus denen sich die erwähnten 95 Achtet Kornpacht an den Rat leicht bestreiten ließen.

1491 wurde der Müller Peter Contze zum Schultheißen bestellt; in den folgenden Jahren gab es an seinem Mühlwerk größere Reparaturen, dabei ist auch von einem Turm die Rede, dessen Bedeutung nicht ganz klar wird, möglicherweise gehörte er zum Mühlenkomplex und diente nicht der Verteidigung. Die Belagerung der Stadt Frankfurt 1552 scheint die aus Steinen erbaute Mühle ohne größere Beschädigungen überstanden zu haben, jedenfalls bat 1567 der Müller Peter Schmidt, die Pacht auf seinen Sohn Hans zu übertragen. 1584 scheint die bisherige Politik des Rates - seiner Mühle gegenüber - eine Änderung erfahren zu haben. Eine Unstimmigkeit zwischen den Interessen für Verteidigung und Nahrungssicherung der Stadt führt dazu, dass man für kürzere Zeit einen Regiebetrieb einführt, einen Müllerknecht gegen wöchentliche Bezahlung annimmt, doch in späteren Jahren wird die Mühle, wie seit alters wieder verpachtet. In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges erfahren wir aus dem Ausgabenbuch eines Frankfurter Patriziers von einem einträglichen Nebenverdienst des Hausener Müllers. Dieser mästete Johann Maximilian zum Jungen jährlich zwei Schweine, wofür er 24 Gulden bekam, auch versorgte er dessen Haushalt exklusiv mit Mehl. 1736 wird der Mühlkanal neu ausgehoben und der Neubau Anfang 1737 feierlich eingeweiht. Einer 1578 verlegten Bleiplatte fügten sie das neue Datum hinzu; aus ihr entnehmen wir, dass das ‚Gerinne' eine Mahl-, Walk-, Schleif- und Kupfermühle versorgte.

Mit dem Neubau des Mühlkanals ging auch ein Neubau der Mahlmühle einher. Nach deren Abbruch 1736 schritt man am 14. Januar 1737 zur Grundsteinlegung des neuen Mühlenbaus. Von diesem Ereignis ist ein Sandstein mit Wappen und Inschrift erhalten, der heute im Besitz des Frankfurter Historischen Museums am nördlichen Zugang im ersten Stock des heutigen Frankfurter Rathauskasino eingemauert ist. Dieser 72,5 x 112,5 cm große Rotsandstein trägt über einem Inschriftfeld mit bewegter Kartusche den rechts blickenden Stadtadler mit aufgelegten Kleestengeln. Ebenfalls in einem mit reichem Bandelwerk gerahmten Feld:

Die Inschrift in Buchstaben einer gefälligen captalis quadrata: "OPUS HOC
MOLARE/ PUBLICO/ AC/ ILLUSTRJ REJPIJBLICE FRANCOFRTEN(SI)/ SENATUI/ SACRUM/ IUSSU CIJIUS PERFECERE/ ANNONAE PRAEFECTI/ JOHANN CAROL(US) A KAYB EXCONS(ULIS) & SCAB(INUS) SEN(ATOR)/ FRIDERJCH MAXIMIL(IAN) DE LERSNER/ PHILIP JACOB SCHIELE SENATORES/ ANNO MDCCXXXVII".

In der Übersetzung: "Diese Mühle, der Bürgerschaft und dem Rat der angesehenen Stadt Frankfurt geweiht, wurde auf dessen (des Rates) Anordnung 1737 erbaut. Die derzeitigen Deputierten (des Kornamtes): der gewesene Bürgermeister, Schöffe und Ratsherr Johann Carl von Kayb und die Ratsherren Friedrich Maximilian von Lersner und Philip(p) Jacob Schiele."

Nach Abriss der Gebäude auf dem ehemaligen Mühlenglände durch die Frankfurter Universität wurde ein Gebäudekomplex errichtet, in dem das Max-Planck-Institut für Europäische Rechtsgeschichte sowie die Fachbereiche Evangelische und Katholische Theologie untergebracht sind.

Sehr viel weniger wissen wir von der Rödelheimer Mühle, die bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts eine Herrenmühle war, d. h. sie kannte nur Pächter. Ob die im zweiten Weltkrieg zerstörte, vor ‚der Dalporten' der alten Rödelheimer Burg gelegene Mühle an dem Platz liegt, an dem sich der Mühlenbau befand, der 791 von seinem Besitzer Rudacar dem Kloster Lorsch in einer Urkunde geschenkt wurde, ist nicht genau auszumachen. Doch bei der Betrachtung aller topographischen Gegebenheiten, unter der Voraussetzung, dass sich der Lauf der Nidda nicht wesentliche verändert hat, ist diese Annahme nicht gänzlich abwegig. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts hatte Konrad von Sachsenhausen einen Anteil, dessen Sohn Ripert 1293 diesen an den Frankfurter Schultheißen Heinrich von Praunheim verkaufte, der zu jenem Familienverband mit der Kleftenstaude gehörte. Irgendwann im 14. Jahrhundert muss der Übergang an die Ritter von Rödelheim mit dem Wappen der ‚Bogenpfähle' erfolgt sein; jedenfalls erscheint 1409 Henne von Rödelheim als Eigentümer, was allerdings nicht bedeutet, dass er alle Anteile an dem Objekt in seinem Besitz hatte. Über den bekannten Kronberger Erbgang gelangte neben dem übrigen Besitz auch die Mühle in die Hände der Herren und Grafen von Solms; sie wurde in der Mitte des 16. Jahrhunderts abgebrochen und neu gebaut. In den Kirchenrechnungen der Jahre 1555 bis 1562 ist des Öfteren die Rede von einem Platz ‚bey der tale pforten, darauf die Müle sol gebawet werden:" Dieser Neubau scheint 1568 vollendet zu sein. Magister Heilmann, der damalige Pfarrer, verfasste in der Mitte des 17. Jahrhunderts, nach dem Dreißigjährigen Krieg, eine lateinische Inschrift über einem Neubau, den möglicherweise der Große Krieg erforderlich machte. In dem vor dem letzten Krieg noch vorhandenen Wohnhaus soll ein Sandstein mit der Jahreszahl 1670 eingemauert gewesen sein.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde die Mühle von der Familie Lamprecht durch Kauf erworben, die 1787 das Anwesen erweiterte und erneuerte. Diesem Anlass verdanken wir eine Sandsteintafel, die der Kriegszerstörung entgangen ist. Sie war ursprünglich in einer Grünanlage neben dem Mühlkanal mit einigen Mühlsteinen waagerecht im Boden gelagert. Um dem weiteren Verfall der Inschrift vorzubeugen, hat der Heimat- und Geschichtsverein Rödelheim im Einverständnis mit der Denkmalspflege der Stadt Frankfurt die Tafel durch Steinmetzmeister 0. Hünnerscheidt reinigen und in den Pavillon im Brentanopark, als Grundstock für ein geplantes Heimatmuseum, bringen lassen. Die leicht beschädigte Inschrift, als letztes Relikt einer reichen Überlieferung lautet wie folgt:

"JCH LUDWIG CARL LAMPRECHT UND MEIN(E)/ EHE FRAU SUSANA MARIA WIER HABEN (DEN) / NEUEN BAU NACH DEM DIE ALTE UEHL /ZIJR WOHNUNG WAR GEFAEHRLICH NEU / AUF GEBAUET WO BEIMANN MEISTERLICHIDU(RCH) IOHAN FRIEDRJCH BEYERLE VON F(RANKEN)FURT /E(IN WE) RCKMEISTER WOR AUF IOHAN JACOB AUS ROEDELHEIM KANN PREISEN / GOTT LASSE DIESEN BAU VOR LW4FAL / SJCHER STEHEN UNDELTERN KINDES / KJND DAS INNERE GLÜCKLICH SEHEN / ICH PHILJPP IAC0B BAUER VON F(RANKEN)FURT HAT / DEN STEIN RECHT HAUEN LASSEN / IM JAHR CHRISTI (MDCCL) XXXVII"

Literatur:
E. Hartmann und Paul Schubert, Alt Rödelheim. Ein Heimatbuch. Frankfurt a. M., 1921
H. Lenz und F. Lerner, Hausen. Vom Mühlendorf zu einem modernen Stadtteil im Grünen. Frankfurter Sparkasse, Frankfurt a. M. 1998
B. Reichel, Frankfurt-Archiv F 05025, Archiv-Verlag Braunschweig 1980

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