Das Petrihaus

ein von engagierten Bügern gerettetes Kleinod der Romantik in Rödelheim


Georg Brentano, Bruder der Dichtergeschwister Clemens und Bettine, gehörte zu den 20 Kindern eines italienischen Kaufmanns, der in Frankfurt am Main ein prosperierendes Handelshaus für Südfrüchte und Spezereien aus aller Welt führte. In Rödelheim richtete sich der für die Geldgeschäfte zuständige Georg einen Landsitz ein, in dem er mit seiner Familie im Sommer wohnte. Nach und nach gelang es ihm, an der Nidda gelegene Grundstücke aufzukaufen und zu einem riesigen Park zu gestalten.

Im 18. Jahrhundert strebten die Frankfurter Bürger aus der Enge der Stadt. Zumindest die wohlhabenden unter ihnen, die es sich leisten konnten, kauften so genannte "Baumstücke", in denen sie einfache Gartenhäuser errichten ließen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelten sich solche ursprünglichen Tagesaufenthalte zu vornehmen Dauerwohnsitzen auf dem Lande, die häufig den ganzen Sommer über bezogen wurden.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Rödelheim mit seinen 1300 Einwohnern ein beliebtes Ausflugsziel der Frankfurter, was vor allem seiner schönen Lage im Grünen zuzuschreiben war. Das idyllische Dörfchen gehörte zwar nicht mehr zum Gebiet der Mainstadt, war aber über eine Landstraße bequem zu erreichen. Außerdem besaß es eine gute Infrastruktur (Gaststätten, Handwerksbetriebe usw.), so dass ein gewisser Komfort gewährleistet war.

In dem in unmittelbarer Nähe des Petrihauses gelegenen Haupthaus der Brentanos waren viele prominente Persönlichkeiten der damaligen Zeit zu Gast. Da waren zunächst einmal die politische Elite der Freien Stadt, die Abgeordneten des Deutschen Bundestages, in den Jahren 1848/49 auch die Deputierten der Nationalversammlung. Dazu kamen Gelehrte, Künstler und Literaten. Der berühmteste Besucher war Johann Wolfgang von Goethe, der hier im Jahre 1814 laut eigener Bekundung einen "unanständig lustigen Mittag" verbrachte. Zu den Gästen zählte auch Marianne von Willemer, die drei Grimm-Brüder, Adele Schopenhauer sowie der Reiseschriftsteller und Landschaftsarchitekt Hermann Fürst von Pückler-Muskau.

Nach jahrelangen Verhandlungen war es Georg Brentano 1819 endlich gelungen, auch das an der Nidda gelegene Haus des Rödelheimer Bäckermeisters Johann Petri zu erwerben. Zusätzlich zu der sagenhaft hohen Summe von 1150 Gulden in bar musste er dem vorherigen Eigentümer noch ein neues Haus mit Grundstück an einer anderen Stelle in Rödelheim zur Verfügung stellen.

Der ausgesprochen hohe Preis - bei keiner weiteren Erwerbung für den Brentanopark wurde eine vergleichbar hohe Summe gezahlt - beruhte zum einen auf der außergewöhnlich schönen Lage des Hauses und zum anderen auf dessen gutem Zustand.

1820 wurde das Petrihaus unter Mitwirkung des Berliner Architekten Karl Friedrich Schinkel, mit dem Georgs Bruder Clemens eng befreundet war, zu einem der damaligen Mode entsprechenden Schweizerhäuschen umgebaut.

Das Petrihaus 1825, Ölgemälde von Bettine von Arnim



Architekturgeschichtlich ist das Petrihaus eine Besonderheit. Mit seinem rustikalen Charakter zählt es einerseits zwar zum Typ des romantischen Schweizerhäuschens, andererseits wurde dieser Landhausstil mit eindeutig spätklassizistischen Elementen kombiniert.

Georg Brentano richtete sich die erste Etage als sein ganz persönliches Refugium mit Schlafzimmer, Arbeitszimmer und einem kleinen Salon mit weißem Marmorkamin ein. Unter dem Dach gab es einen Verschlag, in dem er zahme Tauben hielt. Am Balkon rankten Passionsblumen und Wein empor. Viele ungewöhnliche Blumenarten schmückten den kleinen Garten bis zur Nidda. Der Vorplatz war mit einer Vielzahl von Granatbäumen besetzt, in deren Zweigen Georg anlässlich des 16. Geburtstags seiner Tochter Sophie Geschenke und Lampions aufhängen ließ.

Ein besonderer Blickfang ist der ca. 200 Jahre alte Ginkgo, dessen Blatt auch das Logo des FÖRDERVEREIN PETRIHAUS ziert. Da dieser Baum erst um 1750 in die europäische Gartenkultur eingeführt worden war, galt er damals noch als ungewöhnlich exotisch.

Georg Brentano war nicht nur seinen eigenen Kindern ein guter Vater, er umsorgte auch die Töchter seiner Schwester Bettine, Maximiliane, genannt "Maxe", und Armgart. Beide lebten in den Jahren 1829 bis 1834 bei ihrem Onkel in Frankfurt und kamen dadurch in den Genuss, alljährlich die Sommermonate in Rödelheim verbringen zu können. In späteren Jahren schrieb Maxe ihre Memoiren, in denen sie sich ausführlich über Georg und seinen prächtigen Landsitz äußerte:

"In diesem Zauberreich haben wir fünf Sommer verlebt, verwöhnt durch des Onkels Liebe und Güte - kein Wunder, dass wir uns selbst wie ein Paar Märchenprinzessinnen vorkamen!"

Maximilanes Memoiren ist es auch zu verdanken, dass wir über die Innenausstattung des Petrihauses, das bis heute den Namen des Vorbesitzers behalten hat, unterrichtet sind:

"Im Innern kam man von einem kleinen Entrée mit einer Nische aus Mahagoni zuerst in des Onkels Arbeitszimmer, das mit bequemen Ledermöbeln ausgestattet war... Von da trat man in den kleinen Salon, der ganz in Weiß gehalten war... und einen schneeweißen Marmorkamin hatte... Das Allerschönste aber und für uns der Gegenstand steter Bewunderung war, dass man durch eine große Glasscheibe das Leben und Arbeiten der Bienen in drei Etagen übereinander beobachten konnte... Nebenan war das Schlafzimmer des Onkels, das ganz in Mattgrün gehalten war, auch von hier aus konnte man die Bienen durch ein Fenster von der Seite beobachten."

1998 gehörte sehr viel Phantasie dazu, sich das Petrihäuschen und sein historisches Umfeld in seinem ursprünglichen Zustand vorzustellen. Seit 1926 in städtischem Besitz, ab 1968 aber nicht mehr genutzt, verfiel es zusehends. Ein in den 80er Jahren von der Stadt geplanter Abriss konnte glücklicherweise durch öffentlichen Protest verhindert werden, aber es wurde auch nichts unternommen, um die Bausubstanz zu erhalten. So glich das Petrihaus Ende des 20. Jahrhunderts mehr einer zum Abriss freigegebenen Ruine als einem historischen Relikt des Zeitalters der Romantik.

Dass das Häuschen heute wieder eine Zukunft hat, ist dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass es im Oktober 1998 auf Initiative von Dr. Wilhelm Bender gelang, alle Kräfte, die sich den Erhalt des Petrihauses auf die Fahnen geschrieben haben, zu bündeln. Dem mit 18 Mitstreitern gegründeten FÖRDERVEREIN PETRIHAUS - heute zählt der Verein 250 Mitglieder - gelang es sehr schnell, das öffentliche Interesse neu zu mobilisieren.

Durch offensive Vereinsarbeit, die Aufnahme des Häuschens in das Denkmalschutzregister und damit verbundene Zuwendungen durch das Land Hessen und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz sowie gezielter Ansprache führender Unternehmen der Rhein-Main-Region konnte in relativ kurzer Zeit so viel Geld zusammengebracht werden, dass schon im April 1999 mit dem ersten Spatenstich die Rettung des Petrihauses eingeleitet werden konnte. Bereits am Tag des offenen Denkmals im September 2000 war dann allmählich wieder nachzuempfinden, was Maximiliane von Arnim meinte, wenn sie in ihren Erinnerungen schrieb:

"Das Poetischste von allem aber war das malerische Petrihäuschen, in dem der Onkel wohnte und auch ganz alleine schlief!"

2001 konnten die Restaurierungsarbeiten sowie im Mai 2002 die Baumaßnahmen zur Wiederherstellung der Außenanlagen abgeschlossen werden. Soweit es die finanzielle Situation zulässt, wird in nächster Zeit im ehemaligen Wohnbereich von Georg Brentano ein Museum entstehen; durch erste Leihgaben kann bereits ein grober Eindruck darüber vermittelt werden, wie es hier einmal ausgesehen haben mag.

Die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf rd. 880000 Euro. Rund 500000 € konnten durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und Einnahmen aus Veranstaltungen sowie 100000 € durch Fördermittel des Landes Hessen und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz finanziert werden. Handwerksunternehmen der Bau-, Maler- und Weißbinderbranche unterstützen die Arbeiten mit unentgeltlichen Leistungen im Gesamtwert von weiteren 250000 €.

Die Betriebskosten sowie noch anstehende Aufträge zur Ausgestaltung des Museums werden im Rahmen der zur Verfügung stehenden Finanzmittel vergeben, weitere Ausgaben müssen durch Spenden und Veranstaltungen gedeckt sein. Darüber hinaus erschließt sich der Förderverein durch Vermietung des Petrihauses für private oder geschäftliche Veranstaltungen, die einen sehr guten Anklang gefunden haben, eine weitere Einnahmequelle.

Wer das Petrihaus mieten oder als Vereinsmitglied zur Erhaltung des Hauses beitragen will, wende sich einfach an den Geschäftsführer des Vereins, Herrn Manfred Englert, Telefon (0172) 6 96 11 13.

Der Veranstaltungsraum im Petrihaus

Presseveröffentlichungen, Fernseh- und Rundfunkauftritte sowie organisierte Führungen durch den Brentanopark und das Petrihaus haben von Anfang an eine breite positive Resonanz und Unterstützung durch die Bürger in Rödelheim und Frankfurt gefunden. Spenden (Konto 980 005 bei der Frankfurter Sparkasse, BLZ 500 502 01) an den Verein sind steuerlich abzugsfähig.

Die Schriftstellerin Eva Demski würdigte die Bemühungen zur Rettung des Petrihauses in einem Prolog "Die kleinen Juwele" u. a. mit den Worten:

"Vielleicht dauert es noch eine Weile, bis wir wieder innewerden, warum ein Platz, ein Gebäude, ein Raum, ganz ungeachtet seiner Größe oder Kleinheit, so etwas wie Magie haben. Die hängt mit manchem zusammen, das für Geld nicht zu haben ist: Mit Menschengeschichten, die wie Spinnweben in den Ecken hängen, dem Wunsch nach schönem Alleinsein, mit einem kleinen Hochmut gegen die Welt... Das, was Häuser erzählen, aufbewahren und im besten Fall vormachen. Sie ist lebensnotwendig, die Idylle, auf dass wir einen Hauch von ihr mitnehmen ins verwaltete Leben!"

Literatur:
Silke Wustmann "Petrihaus- Bau- und Kulturdenkmale"

Abbildungsnachweis:
Foto Petrihaus 1825: Ursula Edelmann, Frankfurt am Main
Foto Petrihaus 2002: Stefan Rebscher, Frankfurt am Main

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